«Ich habe konkrete Vorstellungen wie für mich ein Blasorchester klingen sollte.»

Valentin Vogt ist mit Blasmusik aufgewachsen und gegenüber den unterschiedlichsten Musikstilen sehr offen. Diese Offenheit gegenüber Neuem und Ungewohnten wünscht er sich auch von den Musikantinnen und Musikanten.

Was war deine Motivation die Harmonie Freienbach zu übernehmen?
Gute Frage. Ich bin eigentlich ziemlich locker an die Bewerbung um die musikalische Leitung der Harmonie Freienbach gegangen; es war sozusagen ein Bauchentscheid. Aber ich muss auch gestehen, dass es mich nach der über zehnjährigen Tätigkeit als Co-Dirigent bei der Jugendmusik Siebnen wieder sehra gereizt hat, ein Ensemble zu dirigieren. Und da die Harmonie Freienbach den Ruf geniesst, ein Blasorchester mit musikalischem Potenzial zu sein und dazu noch in der unmittelbaren Region ist, war die Motivation umso grösser.
Ein weiterer Motivationsfaktor war, dass ich als Musiker sehr oft beim Üben mit mir selber beschäftigt bin, dann für die – meist sehr wenigen – Proben und Konzerte mit anderen Musikern zusammenspiele und mich dann schon wieder auf die nächsten Auftritte vorbereite. Dabei habe ich manchmal vermisst, über eine längere Zeit mit einem Ensemble etwas zu erarbeiten. Und im Moment geniesse ich es sehr, beides machen zu können, denn das eine befruchtet das andere. 

Welche Ziele möchtest du gerne mit der Harmonie Freienbach erreichen?
Es ist immer schwierig, genaue musikalische Ziele zu definieren. Ich habe meine konkreten Vorstellungen, wie für mich ein Blasorchester klingen sollte. Daran möchte ich gerne mit der Harmonie Freienbach arbeiten. Mein Ideal wäre ein Blasorchester, in dem sich jeder Musiker seiner musikalischen Aufgabe sehr bewusst ist, sich als Teil eines Ganzen versteht und sich nicht verstecken muss. Mein Hauptanliegen aber ist ganz einfach, gute Musik möglichst gut zu spielen und die Freude an der Musik auch auf das Publikum zu übertragen. 

Was fasziniert dich an der Blasmusik? 
Ehrlicherweise kann ich nicht von mir behaupten, dass ich speziell fasziniert von Blasmusik wäre. Mich fasziniert Musik ganz allgemein. Wenn ich gute Musik sehr gut gespielt höre, dann bin ich begeistert – egal, ob das nun ein Sinfonieorchester, eine Ländlerkapelle oder ein Blasorchester ist. Aber meine musikalischen Wurzeln liegen ganz klar bei der Blasmusik, mit ihr bin ich aufgewachsen und ihr habe ich auch vieles zu verdanken. Allem voran bin ich natürlich auch sehr von Tony Kurmann geprägt worden, der in unserer Region unglaublich viel für die Blasmusik leistet. Und nun ist es auch an der Zeit, dass ich dieser Szene auch etwas zurückgeben möchte. 

Für welchen Musikstil schlägt dein Herz am meisten?
Es ist nicht so, dass mein Herz nur für einen bestimmten Musikstil schlägt. Höre ich zum Beispiel eine Sinfonie von Gustav Mahler oder Dimitri Schostakowitsch, so berührt mich das oft sehr, dann bin ich fasziniert von dieser Musik. Dieselbe Faszination kann aber auch bei einem Ländler von Kasi Geisser oder beim Hören eines Beatles-Songs eintreffen. Dann merke ich jeweils, dass es wohl eine Qualität von Musik gibt, die mich berührt und fasziniert, egal welcher Musikstil es nun ist. Ganz allgemein aber würde ich für mich wohl die Musik-literatur des 20. Jahrhunderts als die mich am meisten zu berühren vermögende bezeichnen. Und mein besonderes Interesse gilt der zeitgenössischen Musik, quasi der allerneusten Musik, der Musik, die heute in unserer Gegenwart entsteht.

Was kannst du überhaupt nicht hören?
Mühe habe ich mit Musik ohne Tiefgang, ohne tieferen Sinn. Musik, die mich nicht zu berühren, nicht zu faszinieren vermag. Musik, die einfach so um ihrer selbst Willen vor sich hinplätschert, mag ich nicht.

Wie sehen deine beruflichen Tätigkeiten neben der Harmonie Freienbach aus?
Ich habe zwei Pensen als Klarinettenlehrer an der Musikschule Region Obermarch und der Musikschule Sursee. Daneben spiele ich regelmässig im Ensemble Contrechamps in Genf, einem der bedeutendsten Ensembles für zeitgenössische Musik. Als Zuzüger habe ich mittlerweile schon in zahlreichen Sinfonieorchestern in der Schweiz und auch im Ausland mitgespielt, besonders häufig im Tonhalle Orchester Zürich. Und als Kammermusiker spiele ich im Cavallini Klarinettenquartett und anderen kleineren Ensembles.

Was waren in deinem bisherigen Musikerleben absolute Höhepunkte?
In meinem bisherigen Musikerleben gab es schon zahlreiche Höhepunkte. Dies sind Momente, in denen man spürt, dass beim Musizieren etwas Unglaubliches und auch Unbeschreibliches am Entstehen ist. Unvergesslich bleibt mir die Aufführung von Schönbergs Kammersinfonie in Paris unter der musikalischen Leitung von Heinz Holliger. Gerade vor ein paar Tagen durfte ich wieder unter seiner Leitung dessen Scardanelli-Zyklus spielen und es waren einmal mehr sehr eindrückliche Aufführungen. Gerade die Zusammenarbeit mit solch aussergewöhnlichen Musikern wie Heinz Holliger prägen mich enorm, es entstehen sehr tiefe Eindrücke und Höhepunkte, nicht nur in musikalischer, vielmehr auch in menschlicher Hinsicht.

Was machst du in deiner Freizeit am liebsten?
Hm… Freizeit? Na ja, es gäbe vieles, was ich gerne tun würde. Momentan beschäftige ich mich gerade mit Layouts von verschiedenen Konzertprogrammen. Ich mag es, kreativ zu sein. Ansonsten verbringe ich gerne etwas von meiner Freizeit draussen in der Natur, zusammen mit meiner Freundin, sei es skifahren, biken oder joggen. Gerne würde ich auch etwas mehr Zeit haben, um zu reisen und fremde Kulturen kennen zu lernen.

Was wünschst du dir von den Musikantinnen und Musikanten?
Ich wünsche mir, dass sich alle Musiker ihrer Aufgabe innerhalb des Blasorchesters bewusst sind, sich mit grösst möglichem Engagement dafür einsetzen und möglichst oft an den Proben erscheinen. Ferner wünsche ich mir eine gewisse Offenheit gegenüber Neuem, Ungewohntem. Am Wichtigsten erscheint mir, dass die Musiker höchst motiviert an die Musik herangehen und ihre Freude am Musizieren auch einem Publikum vermitteln können.

Welche drei Stichworte charakterisieren dich am treffendsten?
Dazu musste ich jemanden fragen, der mich ziemlich gut kennt: «Stur, viel zu lieb, sensibel».